Andreas Mörder – CEO / Sprecher der Geschäftsführung INIT GmbH

Andreas Mörder führt in einem Umfeld, in dem Technologie weit mehr ist als ein internes Werkzeug. Bei der INIT GmbH geht es um Systeme, die Verkehrsunternehmen im Alltag unterstützen und damit Einfluss auf Mobilität, Verlässlichkeit und Sicherheit im öffentlichen Verkehr haben. Wer in diesem Kontext Verantwortung trägt, muss technische Innovation, langfristige Kundenbeziehungen und operative Stabilität zusammenbringen.

Im Interview sprechen wir über Führung in einem technologiegetriebenen Mittelstand, über Entscheidungen in komplexen Systemen und über die Frage, was es braucht, damit Innovation nicht nur entwickelt, sondern im Alltag wirksam wird. Es geht auch um die Menschen hinter anspruchsvollen Produkten, um Vertrauen und um die Fähigkeit, bei Tempo und Komplexität die Richtung zu halten.

Wenn Sie Ihre Rolle heute in einem Satz beschreiben müssten: Wofür stehen Sie, fachlich und menschlich?

Meine heutige Rolle steht für Verantwortung und Menschlichkeit, Verantwortlich für die technologischen Entscheidungen, Verantwortlich aber auch für die Jobs der Mitarbeitenden. Und stets steht der Mensch im Mittelpunkt.

Welche drei Werte sind Ihnen in der Zusammenarbeit besonders wichtig, und woran merkt Ihr Umfeld diese Werte im Alltag?

    Besonders wichtig sind mir Pünktlichkeit, Loyalität und Vertrauen:

    Pünktlichkeit ist vermutlich mein offensichtlichster Tick, ich bin meist zu pünktlich. So hab ich noch nie einen Flug verpasst, im Gegenzug aber sicher schon etliche Tage wartend auf Flughäfen verbracht.

    Loyalität, steht beruflich ganz oben. Ich muss meinem Arbeitgeber, aber auch meinen Kunden gegenüber absolut loyal sein, Offenheit und Transparenz gehen da in großem Maße mit ein.

    Um in meine heutige Rolle bei der INIT zu kommen haben mir zahlreiche Menschen Vertrauen entgegengebracht. Ich versuche dieses Vertrauen was man in mich setzt auch an meine Mitarbeiter und Kollegen weiterzugeben, Fehler sind absolut erlaubt und man sollte auch zu seinen Schwächen und Fehlern stehen.

    Was war der beste Rat, den Sie in Ihrer Laufbahn erhalten haben, und weshalb wirkt er bis heute nach?

      Unser Firmengründer hat einmal die Aussage getroffen, dass Mitarbeiter niemals eine Belastung für ein Unternehmen sein können, denn die Mitarbeiter sind das Kapital des Unternehmens. Im Nachhinein betrachtet könnte man das als einen Rat sehen, investiere in deine Mitarbeiter, wertschätze deine Mitarbeiter, denn ohne die Arbeit der Mitarbeiter kann das Unternehmen sich nicht weiterentwickeln.

      INIT arbeitet seit vielen Jahren an Technologien für den öffentlichen Verkehr. Was fasziniert Sie persönlich an diesem Umfeld bis heute?

        Der Markt im Umfeld des ÖPNV ist ein sehr umgänglicher Markt, man trifft sich da meist mehrfach im Leben in unterschiedlichen Rollen. Langfristig betrachtet ist die Umgangsweise absolut fair, unfaire oder gar persönliche Diskussionen gibt es quasi keine.

        Hinzu kommt dass wir sehr stark zur Nachhaltigkeit der Mobilität beitragen können. Je attraktiver und einfach die Nutzung des ÖPNV wird, desto mehr Menschen steigen um.

        Wenn man an Verkehrssysteme denkt, sieht man selten die Technologie dahinter. Welche Verantwortung steckt aus Ihrer Sicht in Lösungen, die täglich im Hintergrund funktionieren müssen?

            Nun, man sieht es wirklich selten, aber unsere Systeme laufen 24/7, 365 Tage im Jahr, und das rund um den Globus. Wir sind als Systemlieferant und auch als Systembetreiber in der Verantwortung, die Kommunikation zu den Fahrzeugen in jeder Situation, bei jedem Wetter und unter einfachen und schwierigen Bedingungen aufrecht zu erhalten.

            Und immer dann, wenn besondere Situationen auftreten, wenn große Menschenmassen zu bewegen sind, dann müssen die Systeme noch besser funktionieren.

              Woran erkennen Sie, ob eine Innovation für Kunden wirklich relevant ist, oder nur technisch interessant?

                Wir „finden“ die meisten Innovationen durch die Anforderung unserer Kunden. Da wir als INIT weltweit unterwegs sind kann es leicht passieren, dass eine Innovation z.B. in den USA entsteht, auf Kundenanforderung, und dann teils Jahre später den Sprung in andere geografische Regionen schafft.

                Die technisch interessanten Dinge kommen meist von unseren Mitarbeitenden, oder aber auch gezielten Forschungsprojekten, u.a. zum autonomen Fahren im ÖPNV.

                Wie gelingt es, in einem technologiegetriebenen Unternehmen den Spagat zwischen langfristiger Produktentwicklung und den konkreten Anforderungen des Tagesgeschäfts zu halten?

                  Das ist wirklich eine tägliche Herausforderung. Durch unsere internationale Ausrichtung schaffen wir es den konkreten Anforderungen des Tagesgeschäftes einen sehr hohen Stellenwert zu gegen und daraus entsprechende Innovationen abzuleiten, welche dann in die Produktentwicklung eingehen. Bei den Geräteentwicklungen ist höchstmögliche Flexibilität gefordert, dabei kommen an den Schnittstellen Standards zu Einsatz, so dass bei technischer Notwendigkeit eine Seite der Schnittstelle bei Beibehaltung des Standards ausgetauscht werden kann. Außerdem planen wir bei jeder neuen Gerätegeneration eine „kompatible“ Variante mit ein, so dass ein Kunde der evtl. aktuell die 2. Generation eines Produktes einsetzt problemlos auf die 3. und 4. Generation wechseln kann, ohne die komplette Ausrüstung eines Busses oder einer Strassenbahn zu tauschen. Wir schaffen damit für die Verkehrsbetriebe eine maximale Investitionssicherheit.

                  Welche typische Fehlannahme begegnet Ihnen am häufigsten, wenn Menschen von außen auf die Digitalisierung des öffentlichen Verkehrs blicken?

                    Die Digitalisierung im ÖPNV in Deutschland ist besser als man denkt. Viele Marktführer, nicht nur die INIT, für ÖPNV Produkte kommen aus Deutschland. Es ist also eine Fehlannahme dass der ÖPNV noch „voll analog“ unterwegs ist, wobei natürlich immer noch Luft nach oben ist. Gleichzeitig sind deutsche ÖPNV Unternehmen meist recht konservativ was neue Techniken angeht, die springen nicht immer auf jedes neue technische Pferd auf sondern schauen erst mal welche Erfahrungen denn andere mit der neuen Technik sammeln.

                    Komplexe Systeme brauchen verlässliche Schnittstellen, technisch und menschlich. Welche Rolle spielt Zusammenarbeit über Bereiche, Länder oder Fachdisziplinen hinweg in Ihrer Führungspraxis?

                      Die technischen Schnittstellen sind meist recht einfach in den Griff zu bekommen, die menschlichen, insbesondere über kulturelle Grenzen hinweg sind da schwieriger. In unseren internationalen Projekten arbeiten Menschen unterschiedlichen Geschlechts, Herkunft und Religion zusammen. Wir achten die Einstellung aller Kollegen und finden so ein produktives Miteinander. Gleichzeitig machen die unterschiedlichen Menschen und Kulturen unseren Job mega spannend.

                        Wie treffen Sie Entscheidungen, wenn technische, wirtschaftliche und kundenseitige Anforderungen gleichzeitig in unterschiedliche Richtungen ziehen?

                        Am Ende ist der „Mensch“ entscheidend. Natürlich wollen wir jeden Kunden zufriedenstellen, gleichzeitig brauchen wir motivierte Mitarbeiter, und wirtschaftlich muss es letztendlich auch noch sein.

                        Wenn technische Anforderungen nicht zufriedenstellend umsetzbar sind, dann diskutieren wir das mit unseren Kunden. Meist findet man eine Alternative Lösung, wenn das nicht geht wird man sich über einen finanziellen Ausgleich oder über eine alternative Mehrleistung meist schnell einig. Wie bereist erwähnt geht es in unserem Markt sehr human zu, weder wir noch unsere Kunden kleben an Verträgen, wir haben das gemeinsame Ziel den Fahrgast zufrieden zu stellen.

                        Welche Rolle spielen Daten, Automatisierung und KI heute in Ihrem Kontext, und wo braucht es bewusst weiterhin menschliches Urteil?

                          Daten spielen schon seit vielen Jahren eine entscheidende Rolle. Wir nutzen z.B. die statistischen Auswertungen aus den Fahrtdaten um den nächsten Fahrplan sinnvoll anzupassen.

                          KI geht aktuell überall durch die Decke, wir setzen KI bereits seit längerer Zeit in unseren Systemen ein, u.a. bei großflächigen Störungen um Lösungsvorschläge für die Disponenten zu erstellen, aber auch für automatisierte, KI unterstütze Übersetzungen von Anweisungen des Disponenten an die Fahrer. So kann man jedem Fahrer eine dispositive Maßnahme (z.B. „Bitte fahren Sie ab Haltestelle ABC Umleitung über D Strasse, E Strasse und kommen an der Haltestelle XYZ wieder auf den regulären Linien weg zurück“) in verschiedenen Sprachen, u.a. in seiner Muttersprache, anbieten.

                          IT-Sicherheit und Resilienz werden für Verkehrssysteme immer relevanter. Was bedeutet das für Führung und Priorisierung in einem Unternehmen wie INIT?

                            Man darf in der Führung diese Themen nicht aus dem Blick verlieren, ein „Angriff“ auf die Systeme muss zwingend vermieden werden.

                            Gleichzeitig muss man die Wirtschaftlichkeit im Blick haben, ist also ein ständiges Abwägen zwischen Sicherheit und Wirtschaftlichkeit.

                            Was haben Sie in Ihrer Laufbahn über die Einführung neuer Technologien gelernt, das Sie einem jüngeren Führungsteam früher mitgegeben hätten?

                              Seid mutig und traut Euch, auch wenn dabei Fehler passieren.
                              Gerade in Deutschland greift oft eine „Vollkasko Mentalität“ um sich, man sichert sich gegen jeden und alles ab, das bremst den Fortschritt, manchmal ist „Mut zum Risiko“ effektiver.

                              Welche Erfahrung oder Entscheidung hat Ihre Perspektive auf Verantwortung nachhaltig verändert?

                                Ich hatte 2013 einen BurnOut, war 3 Wochen in der Klinik, insgesamt 10 Wochen nicht bei der Arbeit. Die INIT hat mir damals mitgegeben, ich soll wieder zurückkommen, aber nicht mit aller Gewalt, sondern gesund und voller Motivation.

                                Man hat sich also mir gegenüber „verantwortlich“ gezeigt, und das versuche ich den Menschen auch weiterzugeben. Denn am Ende steht der Mensch im Mittelpunkt.

                                Worauf möchten Sie in den nächsten 12 bis 24 Monaten den Schwerpunkt legen, und woran würden Sie merken, dass Sie und Ihre Organisation auf dem richtigen Weg sind?

                                  Die INIT wächst seit Jahren unaufhaltsam, die neuen Großprojekte in London und Sydney brauchen auch eine interne Veränderung, eine andere Arbeitsweise und Risikoabwägung. Gleichzeitig sollte man die bewährte Herangehensweise, die über Jahre zum Wachstum beigetragen hat, nicht über Bord werfen.

                                  Daher ganz klar: das Bewährte erhalten, und gleichzeitig den Fortschritt nicht verschlafen. Wenn wir die Großprojekte sauber umsetzen steht die Tür für weiteres Wachstum sehr weit offen.

                                    Weitere Interviews ¬

                                    Ich freue mich auf
                                    unseren Austausch

                                    achtwert Portrait Steffen Oechsle