Anke Paulick – ReDescribe / Paulick Ventures · Präsidentin ICF Germany Charter Chapter e.V.

Anke Paulick begleitet mit ReDescribe Unternehmen bei wirksamer Transformation, Automatisierung und Workforce Planning. Der Anspruch steckt im Namen: ReDescribe how we work, how we lead, how we build products. Sie trägt dabei selbst Produktverantwortung — die Entscheidungen, über die sie spricht, trifft sie und verantwortet sie.

Ihre These: KI-Transformationen scheitern selten an der Technologie. Sie scheitern an Akzeptanz. Daran, dass Menschen nicht wissen, was Automatisierung für ihre Aufgabe bedeutet. Dass Rollen unklar bleiben. Dass niemand ausspricht, was sich verändert und was verloren geht. Veränderungsfähigkeit ist damit kein Anhang eines KI-Projekts, sondern seine Voraussetzung.

Parallel ist sie Präsidentin des ICF Germany Charter Chapter e.V., des größten Coaching-Verbands. Dort geht es um professionelles Coaching, um Kernkompetenzen und um einen Ethikkodex, der nicht verhandelbar ist. Aus dieser Arbeit kommt ihr Blick auf Veränderung: Technologie verändert Aufgaben — aber über das Tempo entscheidet Vertrauen.

Wenn Sie Ihre Rolle als Präsidentin des ICF Germany Charter Chapter e.V. in einem Satz beschreiben müssten, wofür stehen Sie dort?

Ich stehe dafür, dass professionelles Coaching sichtbar und wirksam ist — getragen von Kernkompetenzen und einem Ethikkodex, die nicht verhandelbar sind.

Das ist keine Nebenrolle zu meiner unternehmerischen Arbeit, sondern ihr Fundament. Ich begleite Unternehmen durch Automatisierung und Transformation. Was dort über Erfolg entscheidet, ist selten die Technologie. Es ist die Frage, ob Menschen die Veränderung mittragen. Genau daran arbeitet Coaching.

Welche drei Werte sind Ihnen im Coaching-Kontext besonders wichtig, und woran merkt Ihr Umfeld diese Werte im Alltag?

Wirksamkeit, Verantwortung, Mut.

Wirksamkeit: Ich messe nicht Aktivität, sondern Veränderung. In Projekten frage ich nicht, wie viele Workshops stattgefunden haben, sondern welche Entscheidung danach anders getroffen wurde.

Verantwortung: Ich mache Konsequenzen sichtbar, bevor sie eintreten. Wer automatisiert, verändert die Aufgaben von Menschen. Das gehört auf den Tisch, bevor ein Projekt startet — nicht, wenn es fertig ist.

Mut: Ich sage Aufträge ab, deren Ziel ich für nicht tragfähig halte. Mein Umfeld merkt das vor allem daran, dass ich unangenehme Sätze ausspreche, statt sie zu umschreiben.

Was war der beste Rat, den Sie in Ihrer Laufbahn erhalten haben, und weshalb wirkt er bis heute nach?

„Bau nicht, was gewünscht wird — verstehe, was gebraucht wird.“

Der Satz kommt aus der Produktverantwortung, die ich bis heute trage. Er wirkt nach, weil er in beiden Welten gilt, in denen ich mich bewege: Der erste geäußerte Auftrag ist selten der echte — im Produkt nicht und im Coaching nicht.

Und er ist relevanter denn je. KI macht es außerordentlich leicht, sehr schnell sehr viel zu bauen. Damit steigt der Preis dafür, das Falsche zu bauen. Die Frage „Was wird eigentlich gebraucht?“ ist heute die teuerste, die man überspringen kann.

ICF steht für Professionalität und Standards. Was wird aus Ihrer Sicht an professionellem Coaching am häufigsten missverstanden, gerade im Business-Umfeld?

Das größte Missverständnis ist, dass Coaching ein Format ist. Ein Termin, ein Kontingent, eine Budgetzeile.

Coaching ist zuerst eine Haltung und eine Kompetenz: unter Unsicherheit eine bessere Frage zu stellen als die naheliegende, statt sofort in die Lösung zu springen. Solange Coaching ein Termin bleibt, erreicht es einen kleinen Teil einer Organisation — meist die, die ohnehin schon reflektieren.

Das zweite Missverständnis ist verwandt: Coaching als Wohlfühlangebot. Wer es so einkauft, bekommt genau das und wundert sich dann, dass sich nichts ändert.

Deshalb arbeite ich in Transformationsprojekten selten mit Coaching-Kontingenten. Ich arbeite daran, dass Führungskräfte diese Fähigkeit selbst entwickeln — weil sie sie jeden Tag brauchen, nicht einmal im Quartal.

Welche Entwicklungen treiben Sie aktuell besonders um, weil sie die Coaching-Welt in den nächsten Jahren spürbar verändern werden?

Erstens: Agentic AI verändert nicht die Werkzeuge des Coachings, sondern die Arbeit selbst. Wenn Systeme Aufgaben eigenständig ausführen, verschiebt sich Führung vom Anweisen zum Verantworten. Darauf ist kaum eine Organisation vorbereitet.

Zweitens die Akzeptanzlücke: Unternehmen automatisieren schneller, als sie Menschen mitnehmen können. Der Engpass ist nicht die Technologie, sondern die Bereitschaft, sie zu nutzen. Genau dort wird Coaching gebraucht — nicht als Trost, sondern als Arbeit an Rollen, Aufgaben und Selbstwirksamkeit.

Drittens die Verantwortungsdiffusion: Wenn ein System entscheidet — wer hat dann entschieden? Das ist die Frage der nächsten Jahre, und sie ist keine technische.

Wo sehen Sie die größte Spannung zwischen „Coaching als Haltung“ und „Coaching als Markt“, und wie navigieren Sie diese Balance?

Die Spannung heißt Skalierung. Haltung braucht Beziehung und Zeit, der Markt will Volumen und Preis.

Beide üblichen Auflösungen sind falsch. Die eine: Haltung als Nischenschutz — wir bleiben klein und rein. Die andere: Markt ohne Haltung, Coaching als Flatrate in der App.

Meine Antwort: Haltung muss in die Arbeitsweise, nicht ins Leitbild. Ich entscheide Haltungsfragen dort, wo sie konkret werden — welche Daten ich in einem Projekt nicht erhebe, welche Auswertung ich nicht anbiete, an welcher Stelle ein Mensch übernehmen muss. Ein Wertekatalog auf einer Website ändert nichts. Eine Entscheidung im Projektdesign schon, weil man sie nicht mal eben zurücknimmt.

Was bedeutet Qualität im Coaching für Sie ganz praktisch? Woran erkennen Sie sie, und woran eben nicht?

Das Offensichtliche spiegelt sich in den ICF-Kernkompetenzen und im Ethikkodex: Vereinbarungen treffen und einhalten, Präsenz, aktives Zuhören, Bewusstsein fördern, Verantwortung für den Prozess statt für das Ergebnis des anderen. Dazu saubere Kontraktierung und kontinuierliche Supervision und Weiterbildung des Coaches. Das ist die Basis, und sie ist überprüfbar.

Praktisch erkenne ich Qualität aber vor allem daran, ob ein Coaching echte Transformation ermöglicht — persönlich, in der Rolle, für die Organisation. Das ist die hohe Kunst.

Und ehrlich gesagt: Genau dort haben wir Indizien, aber noch nicht genug Evidenz, wie das eigentlich passiert. Das ist eine offene Flanke unseres Feldes. Ich halte nichts davon, sie zu übertünchen — sie ist die interessanteste Frage, die wir haben.

Unterscheiden lässt sich trotzdem gut: Transaktional coachen können viele. Ziel klären, Optionen sortieren, nächsten Schritt vereinbaren — das macht inzwischen auch KI ordentlich. Transformativ wird das Feld dünn. Dort entscheidet sich, ob dieser Beruf eine Zukunft hat.

Woran ich Qualität nicht erkenne: an Zufriedenheitswerten, an Sympathie, an der Zertifikatswand. Ein Coaching, aus dem alle gut gelaunt herausgehen, ist kein Qualitätsnachweis, sondern erstmal ein angenehmer Termin.

Technologie verändert Arbeit und Führung. Welche Rolle sollte Coaching in Transformations- und Digitalisierungsprogrammen einnehmen, damit es nicht zur Begleitmusik wird?

Coaching wird zur Begleitmusik, weil es an der falschen Stelle im Programm sitzt: am Ende, im Nachsorgebudget, bei den Betroffenen.

Die richtige Stelle ist der Entscheidungspunkt, bei denen, die entscheiden. Nicht Akzeptanz herstellen, nachdem entschieden wurde, sondern Entscheidungsqualität erhöhen, bevor entschieden wird. Das ist ein anderer Zeitpunkt und eine andere Zielgruppe.

Der zweite Punkt ist unbequemer: Transformationsprogramme scheitern selten an fehlender Kommunikation. Sie scheitern an Führungskräften, die eine Entscheidung umsetzen sollen, die sie selbst nicht verstanden haben oder nicht mittragen. Diese Menschen brauchen keine Kommunikationskaskade. Sie brauchen einen Ort, an dem sie sagen können, dass sie nicht überzeugt sind — bevor sie vor ihr Team treten.

Deshalb baue ich Transformation mit ReDescribe anders auf: Reflexion sitzt im Entscheidungsprozess, nicht im Change-Management-Anhang. Und Akzeptanz ist kein Kommunikationsthema, sondern eine Frage danach, ob Menschen wissen, welche Aufgabe sie morgen haben.

Zugespitzt: Ein Transformationsprogramm, in dem Coaching eine Budgetzeile ist, hat schon verloren.

KI und Coaching ist ein Feld voller Erwartungen. Was sind aus Ihrer Sicht realistische Einsatzfelder, und wo braucht es klare Grenzen?

Realistisch ist mehr, als viele im Coaching-Umfeld zugeben wollen — und weniger, als die Anbieterversprechen suggerieren.

Realistisch:

  • Rollenspiele und Perspektivwechsel. Ein schwieriges Gespräch üben, bevor man es führt — und dieselbe Situation anschließend aus der Perspektive der anderen Seite erleben. Das ist für mich der Einsatz mit dem größten Hebel, weil Führung sonst fast nie geübt wird. Sie wird am lebenden Objekt gelernt, und das ist teuer für alle Beteiligten.
  • Reflexion in der Breite. Der Großteil einer Organisation sieht nie ein Coaching-Budget. Strukturierte Reflexion kann diese Menschen erreichen.
  • Vorbereitung und Nachhaltung rund um menschliche Gespräche.
  • Verfügbarkeit im Moment der Entscheidung statt zwei Wochen später. Das ist der eigentliche Vorteil — Verfügbarkeit schlägt Perfektion.

Die Grenzen benenne ich hart, weil sie sonst verhandelbar wirken:

  • Auf keinen Fall im Performance Management. Weder der ICF-Ethikkodex noch der EU AI Act lassen das zu: KI-Systeme, die Menschen im Beschäftigungskontext bewerten, gelten als Hochrisiko, und Coaching-Daten sind zweckgebunden. Wer Coaching-Inhalte in Leistungsbeurteilung überführt, zerstört das Instrument in dem Moment, in dem es sich herumspricht.
  • Keine Nähe zu Krise, Diagnostik oder Klinik.
  • Transparenz: Menschen müssen wissen, dass sie mit einem System sprechen.
  • Kein Ersatz für die Beziehung, in der Widerspruch möglich ist. Ein System widerspricht mir, weil es so gebaut ist. Ein Mensch widerspricht, weil er etwas riskiert. Das ist nicht dasselbe.

Mein Prinzip: Das System verstärkt Reflexion und Handlungsfähigkeit. Die Verantwortung bleibt beim Menschen. Technisch ließe sich deutlich mehr machen. Ich halte es für falsch.

Welche Kompetenzen werden für Coaches und Führungskräfte künftig wichtiger, wenn Organisationen schneller, vernetzter und datengetriebener werden?

Am besten lässt sich das an drei Ebenen beschreiben — sie stecken in dem Anspruch, an dem ich meine Arbeit ausrichte: wie wir arbeiten, wie wir führen, wie wir Produkte bauen.

How we work: mit Systemen arbeiten, die eigenständig handeln. Das verlangt zwei Dinge gleichzeitig — delegieren können und trotzdem prüfen. Wer alles kontrolliert, verliert den Vorteil. Wer nichts prüft, verliert die Kontrolle.

How we lead: Führung verschiebt sich vom Anweisen zum Verantworten. Wer nicht mehr jeden Schritt vorgibt, muss Ergebnisse, Grenzen und Nicht-Verhandelbares definieren können. Das ist anspruchsvoller als Anweisen, nicht einfacher.

How we build products: Ethik ist keine Compliance-Aufgabe am Ende der Entwicklung, sondern eine Designentscheidung am Anfang — getroffen von Menschen, die den Kontext kennen.

Für Führungskräfte kommt Datenkompetenz dazu, und die heißt: Zahlen lesen und ihnen misstrauen. Für Coaches Business- und Systemverständnis — ohne Kontextkompetenz wird Coaching im datengetriebenen Umfeld schlicht irrelevant.

Die wichtigste Kompetenz bleibt aber, eine gute Frage zu stellen, wenn alle nur noch Antworten generieren.

Wenn Sie auf Organisationen schauen: Woran scheitert Veränderung am häufigsten, nicht fachlich, sondern menschlich?

Nicht am Widerstand der Mitarbeitenden. Das ist die bequemste Erklärung und fast immer die falsche.

Veränderung scheitert an Entscheidungen, die nie wirklich getroffen wurden. An Führung, die eine Richtung ankündigt, aber die Konsequenz offenlässt, weil die Konsequenz wehtut.

Zweitens daran, dass Verluste nicht benannt werden. Jede Veränderung nimmt jemandem etwas weg — Status, Sicherheit, Nähe, manchmal die Aufgabe. Wer das verschweigt, verliert Vertrauen dauerhaft. Menschen verzeihen schlechte Nachrichten. Sie verzeihen nicht, für dumm verkauft zu werden.

Drittens werden Führungskräfte mit der Umsetzung allein gelassen.

Hinsehen. Entscheiden. Lösen. In meinen Projekten ist der häufigste Befund nicht fehlende Akzeptanz, sondern eine Entscheidung, die nie zu Ende gedacht wurde.

Welche Verantwortung tragen Coaches, wenn sie mit Entscheiderinnen und Entscheidern arbeiten, die großen Einfluss auf Kultur und Menschen haben?

Eine größere, als vielen bewusst ist. Was in diesem Raum bearbeitet wird, wirkt auf Menschen, die nie darin sitzen.

Daraus folgt: Ich bin gegenüber dem Prozess neutral, aber nicht gegenüber den Folgen für Dritte. Und ich brauche Rollenklarheit. Coach, Beraterin, Vertraute, Komplizin — wer alles vier gleichzeitig ist, ist nichts davon richtig.

Konkret heißt das: den unbequemen Satz aussprechen und im Zweifel abbrechen können.

Welche Rolle spielen Messbarkeit und Wirksamkeitsnachweise im Coaching? Was ist sinnvoll, und was führt in die falsche Richtung?

Sinnvoll ist alles, was vorher definiert wird: Entscheidungs- und Verhaltensziele, Stakeholder-Feedback, wenige realistisch beeinflussbare Geschäftskennzahlen.

In die falsche Richtung führt dreierlei. Zufriedenheit als Wirksamkeitsersatz. Erfundene ROI-Multiplikatoren, die niemand nachrechnet. Und — der gefährlichste Trend, weil er technisch so einfach geworden ist — die Auswertung von Gesprächsinhalten fürs HR-Dashboard.

Ich biete individuelle Auswertung von Coaching-Inhalten nicht an. Das kostet mich gelegentlich ein Verkaufsargument. Es ist trotzdem richtig.

Was gemessen wird, verändert das Gespräch. Die Frage ist deshalb nicht ob, sondern was.

Was war ein Moment, der Ihre Perspektive auf Verantwortung und Führung nachhaltig verschoben hat, persönlich oder beruflich?

Ich habe schon oft Restrukturierungen erlebt – auf beiden Seiten des Tisches. Früher habe ich häufig zu lange gewartet mit Entscheidungen und damit Leistungsträger nachhaltig demotiviert.

Bei den Restrukturierungen, die ich selbst verantwortet, nicht nur konzipiert oder begleitet habe ich Folgendes gelernt: Es braucht beides. Eine nachvollziehbare, kommunizierbare Entscheidungsgrundlage — und eine professionelle Umsetzung. Das eine ohne das andere trägt nicht. Eine gute Begründung, schlecht umgesetzt, wird zur Zumutung. Eine saubere Umsetzung ohne nachvollziehbare Grundlage wirkt willkürlich.

Menschen verdienen gut vorbereitete Gespräche und ein Vorgehen ohne Fehler und ohne Zickzackkurs. Das ist keine Frage von Empathie, sondern von Handwerk. Wer eine solche Entscheidung trifft, schuldet den Betroffenen Klarheit und Verlässlichkeit.

Und Verantwortung ist nicht delegierbar — nicht an einen Prozess, nicht an eine Kanzlei, nicht an eine Kommunikationsabteilung. Das ist der Grund, warum ich heute arbeite, wie ich arbeite.

Wofür möchten Sie in den nächsten 12 bis 24 Monaten stehen, und welches Thema möchten Sie in der ICF-Community und im Business-Kontext stärker voranbringen?

Zuerst unternehmerisch: Ich will zeigen, dass KI-Transformation und Akzeptanz kein Widerspruch sind. Automatisierung und Workforce Planning gelingen nicht gegen die Menschen, deren Aufgaben sich verändern, sondern nur mit ihnen. Das ist der Anspruch hinter ReDescribe — how we work, how we lead, how we build products.

Zweitens: Veränderungsfähigkeit aus dem Weiterbildungsbudget herausholen und in die Führungsarbeit selbst verlagern. Solange Reflexion ein Angebot ist, bleibt sie optional. Sie gehört in den Prozess.

Und in der ICF-Community: Coaches darin stärken, in dieser Arbeitswelt relevant zu bleiben — mit Business- und Systemverständnis, mit einer klaren Position zu KI und mit dem Ethikkodex als Leitplanke, nicht als Bremse.

Wofür ich stehen will: Mut zur Verantwortung. Gerade dann, wenn die Technologie uns anbietet, sie abzugeben.

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